Wenn du gerade erst in das Thema Neurodivergenz einsteigst (oder vielleicht sogar noch gar nichts davon gehört hast und nur über ADHS oder Autismus hier reingestolpert bist), dann kann es ganz schön überfordernd sein: Unter neurodivergenten Menschen und in den sozialen Medien wirkt es manchmal, als gäbe es eine eigene Sprache, die man beherrschen muss. Aber gerade am Anfang ist es schwer, das zu verstehen.

Deswegen möchte ich in diesem Lexikon-Artikel eine kleine Übersicht anbieten dir Orientierung geben.

Die Begriffe werden hier beschreibend, nicht bewertend erklärt. Mein Standpunkt ist, dass Neurodivergenz keine Krankheit ist, sondern eine Form von menschlicher Vielfalt. Damit wir diese besser verstehen können, sind Begriffe sehr sinnvoll. Gleichzeitig ist natürlich jede Person individuell und viele dieser Begrifflichkeiten sind nicht 100% festgeschrieben. Trotzdem hoffe ich, dass du hier ein bisschen Orientierung bekommst.

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)

ADHS ist eine Variante der Neurodivergenz, die sich unter anderem in Aufmerksamkeit, Impulssteuerung, Motivation, Emotionsregulation und Zeitwahrnehmung unterscheidet. Sie ist nicht durch einen Mangel an Aufmerksamkeit gekennzeichnet, sondern durch eine ungleichmäßige, kontextabhängige Aufmerksamkeitssteuerung, Impulsivität und innere Unruhe. Trotz des Namens „Störung“ geht der Neurodivergenz-Ansatz davon aus, dass ADHS keine Krankheit ist.


Allistisch

Eine Person wird als allistisch bezeichnet, wenn sie nicht autistisch ist. Dabei geht es auch darum, Autismus zu entpathologisieren und aufzuzeigen, dass es sich nur um einen von mehreren neurologischen Zuständen handelt.

AuDHS

AuDHS bezeichnet das gleichzeitige Vorliegen von Autismus und ADHS. Die beiden neurodivergenten Muster können sich gegenseitig verstärken, überlagern oder widersprechen, was zu komplexen inneren Spannungen und erhöhtem Stress führen kann. Früher ging man davon aus, dass ADHS und Autismus nicht gleichzeitig auftreten können.


Autismus(-Spektrumsstörung)

Autismus beschreibt ein neurodivergentes Spektrum, das sich unter anderem in Wahrnehmung, Kommunikation, sozialer Interaktion und Reizverarbeitung zeigt. Autistische Menschen erleben ihre Umwelt häufig intensiver oder anders strukturiert als neurotypische Menschen, nehmen Dinge sehr wörtlich, benötigen starke Routinen und erleben soziale Interaktionen anders als andere Menschen. Ähnlich wie bei ADHS geht der Neurodivergenz-Ansatz auch hier nicht von einer Krankheit aus, obwohl es nach wie vor im ICD als solche klassifiziert wird, jedoch gibt es individuell sehr starke Unterschiede.


Body Doubling

Body Doubling bezeichnet eine Form der Unterstützung, bei der eine andere Person anwesend ist (physisch oder virtuell), um Fokus, Motivation oder Handlungsfähigkeit zu erleichtern. Die anwesende Person greift dabei nicht aktiv ein, sondern wirkt regulierend durch ihre bloße Präsenz, sodass die neurodivergente Person ihre geplanten Handlungen durchführen kann.


Dopaminkater

Dopaminkater beschreibt einen Zustand nach intensiver Stimulation oder starkem Hyperfokus. Wenn eine neurodivergente Person (meist mit ADHS) eine Weile eine starke Dopamin-Ausschüttung erlebt hat, zum Beispiel weil sie einer sehr spaßigen Aktivität mit vielen anderen Menschen nachgegangen ist, kann darauf der Dopaminkater folgen, in dem Motivation, Antrieb und emotionale Stabilität deutlich reduziert sein können. Das kann dazu führen, dass die Person keine Aufgaben erledigen kann und sich stark erschöpft bis hin zu deprimiert fühlt.


Hyperfokus

Hyperfokus ist ein Zustand intensiver und tiefgehender Konzentration auf eine bestimmte Tätigkeit oder ein Thema. Dabei können Zeitgefühl, Körperwahrnehmung und äußere Reize stark in den Hintergrund treten, sodass nur noch das eine Thema im Fokus ist.


Masking

Masking beschreibt das bewusste oder unbewusste Anpassen des eigenen Verhaltens an neurotypische Erwartungen, zum Beispiel durch das Unterdrücken von Bedürfnissen oder das Nachahmen sozialer Regeln. Langfristiges Masking kann mit hoher innerer Anspannung verbunden sein und die soziale Batterie stark aufbrauchen, sodass nach dem Masking viele neurodivergente Menschen Zeit zur Regeneration brauchen.


Meltdown

Ein Meltdown ist eine akute Überlastungsreaktion des Nervensystems infolge von Reizüberflutung oder anhaltendem Stress. Er ist keine bewusste Handlung, sondern Ausdruck fehlender Regulationsmöglichkeiten in diesem Moment und ist vor allem von Autist*innen bekannt.


Neurodivergenz

Neurodivergenz bezeichnet neurologische Verarbeitungsweisen, die von der gesellschaftlich angenommenen Norm (den neurotypischen Menschen) abweichen. Hier geht es vorwiegend um ADHS, Autismus und AuDHS, welche vermutlich die bekanntesten Neurodivergenzen sind, doch auch Dyslexie, Dyskalkulie, Dyspraxie und das Tourette-Syndrom sowie einige weitere neurologische Besonderheiten werden darunter gefasst.


Neurodiversität

Neurodiversität beschreibt die Vielfalt menschlicher Denk-, Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweisen. Sie ist ein gesellschaftliches Konzept, das unter der Neurodiversitätsbewegung verfolgt wird, um neurologische Unterschiede als natürlichen Teil menschlicher Vielfalt aufzuzeigen und die Pathologisierung von Minderheiten zu beenden.


Neurotypisch

Neurotypisch bezeichnet Menschen, deren neurologische Verarbeitung weitgehend den gesellschaftlichen Normen und Erwartungen entspricht. Der Begriff dient der Unterscheidung von Neurodivergenz, jedoch nicht als Bewertung.


Overstimulation (Reizüberflutung)

Overstimulation entsteht, wenn das Nervensystem mehr Reize verarbeiten muss, als es regulieren kann. Sie kann sich körperlich, emotional oder kognitiv äußern und baut sich oft schleichend auf.


Rejection Sensitive Dysphoria (RSD)

Rejection Sensitive Dysphoria beschreibt eine (teilweise übertrieben) ausgeprägte emotionale Reaktion auf soziale Zurückweisung oder Kritik, wobei diese auch nur angenommen werden kann und nicht tatsächlich existieren muss.


Shutdown

Ein Shutdown ist eine Überlastungsreaktion, bei der sich das Nervensystem stark zurückzieht. Betroffene wirken nach außen oft ruhig oder abwesend, sind innerlich jedoch stark eingeschränkt in ihrer Handlung und Kommunikation. Viele Betroffene sind während eines Shutdowns nicht in der Lage, zu sprechen und/oder sich zu erklären.


Skript

Ein Skript bezeichnet eine vorbereitete Formulierung oder Abfolge von Handlungen, meist im sozialen Kontext. Skripte werden häufig genutzt, um soziale Situationen vorhersehbarer zu machen und kognitive Belastung zu reduzieren.


Spezialinteresse

Ein (autistisches) Spezialinteresse ist ein besonders intensives, langanhaltendes Interesse an einem bestimmten Thema. Spezialinteressen können sehr tiefgehend sein und die Beschäftigung damit dient oft als Quelle von Freude, Energie und Regulation.


Stimming

Stimming umfasst wiederholte Bewegungen, Geräusche oder Handlungen, die der Selbstregulation des Nervensystems dienen. Stimming kann beruhigend, fokussierend oder ausgleichend wirken und ist eine natürliche Regulationsstrategie, besonders bei neurodivergenten Menschen.


Zeitblindheit

Zeitblindheit beschreibt Schwierigkeiten, Zeit realistisch einzuschätzen, Abläufe zu planen oder zeitliche Abstände zu erfassen. Das liegt vermutlich an einer anderen Wahrnehmung und Verarbeitung von Zeit, was vor allem bei Deadlines zu einem Problem werden kann. Sie tritt häufig im Zusammenhang mit ADHS auf und kann den Alltag erheblich belasten.


Zeitoptimismus

Zeitoptimismus beschreibt die Tendenz, den Zeitaufwand für Aufgaben systematisch zu unterschätzen und zeitliche Abläufe zu optimistisch zu planen. Er tritt häufig im Zusammenhang mit ADHS auf und ist eng mit Zeitblindheit verknüpft.


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